|| Tukaram ||
Tukaram is very dear to me.- Mahatma Gandhi
Translation
Du hast keine feste Adresse
Du errichtest Alle möglichen Hütten und Barackenlager
Man findet dich an den seltsamsten Orten
Und gewöhnlich sitzt du mürrisch in deiner Ecke
Du bist weder wach noch schläfst du
Du scheinst zu hungern, doch hast du keinen Appetit
Sagt Tuka: O Herr, ich will nicht fragen, wie's dir geht, ich will dich einfach beschreiben
Ich will gegen dich antreten
Und ich weiß, ich werde dich an der empfindlichsten Stelle treffen
Herr, du bist eine Eidechse, eine Kröte und ein Tiger auch
Und zuweilen bist du ein Feigling, der verzweifelt den eigenen Arsch in Deckung bringt
Wenn du dich einem entschlosseneren Angriff gegenüber siehst, suchst du einfach das Weite
Du attackierst nur die Schwachen, die wegzurennen versuchen
Sagt Tuka: Geh mir aus dem Weg, du bist weder Mann noch Weib, du bist nicht einmal ein Ding
Wenn wir irren, o Pandurang, bist du schnell bei der Hand uns zu strafen
Warum gestehst du uns nicht unsre Rechte zu?
Als andere Sucher dich suchten legtest du sie herein und bestachst sie mit magischen Kräften
Lasst uns ein für allemal festhalten: Ich bin kein Bettler von dieser Sorte
Warum sollt ich mich immer tiefer verstricken in diese Welt, nur um mein Ich zufriedenzustellen wie sie?
Hab ich doch die Reinheit meines Gelöbdes bewahrt, mich von nichts anderem verlocken zu lassen
Sagt Tuka: Von Anfang an hab ich nichts erwartet von dir, damit mein Begehren nicht zur letzten Schranke wird zwischen dir und mir
Wo beginnt man mit dir? O Herr, du hast keine Anfangszeile
Es ist so schwer, dich in Gang zu setzen
Alles, was ich versuchte, ging schief
Du hast alle meine Möglichkeiten erschöpft
Was ich eben noch sagte, hat sich in Luft aufgelöst
Und ich lieg wieder am Boden
Sagt Tuka: Ich bin wie betäubt Mir fällt nicht ein einziges Wort ein
Alles, was ich fühle, ist Gott
Gott ist alles, was ich glaube
Der, die Welt entstehen ließ, lässt mich sprechen
Nicht ich war's, der diese Worte herbeirief
Die Idee ist seine
Ich hab nicht versucht, eine Berühmtheit zu werden
Du wärst ein Glückskind, wenn du wüsstest, was ich meine
Sagt Tuka: Was ich sage, muss wahr sein Denn es kommt von ihm
Ich spreche, und sie meinen es ist Poesie
Doch ich weiß, dass er mich noch nicht liebt
Er geht nicht ein auf meine Poesie
Narayana mag sie überhaupt nicht
Meine Zunge soll sich schämen, dass sie überhaupt zu sprechen wagt
Ich weiß, ich war niemals gut im Nachdenken
Ich red so vor mich hin
Sagt Tuka: Was für eine ungeheure Verschwendung! O Herr von Pandhari, was hältst du von all diesen Gedichten?
Reproduced from: Dilip Chitre
Worte des Tukaram
Aus dem Englischen von Lothar Lutze
232 Seiten, gebunden, DM 36,-/ÖS 263,-/sFr 35,- ISBN 3-927743-40-2 A1 Verlag, München
Copyright Dilip Chitre
Review
Süddeutsche Zeitung, 29./30.01.00, Feuilleton, Kurt Oesterle
Gottes Hund
Worte des Tukaram – ein indischer Klassiker erstmals auf Deutsch
Er könnte hierzulande längst so berühmt sein wie Zarathustra, Lao-Tse oder der Siddharta-Buddha. Doch Tukaram, südindischer Dichter und Volksheiliger aus dem 17. Jahrhundert, wurde in Deutschland bisher übersehen. Ihm fehlte die Rezeption eines Nietzsche, Brecht oder Hesse – oder einfach ein guter Dolmetscher (...)
Jetzt ist er im Deutschen angekommen, auf dem Umweg über das Englische, in das der indische Lyriker, Essayist und Filmemacher Dilip Chitre ihn vor ein paar Jahren übertragen hat. Chitres Auswahl "Says Tuka" war damals ein Erfolg. Das können diese Gedichte, geschmeidig übersetzt von dem ehemaligen Heidelberger Indologen Lothar Lutze, in der deutschen Ausgabe auch werden (...)
Tukaram baut in seinem Werk keine Tempel, sondern Hütten und Baracken. Sein Gott ist einer der Sklaven, der Krüppel, der Hunde. Diese reden oft unverschämt mit Gott, freilich, sie wissen es nicht besser: "Zuweilen bist du ein Feigling", sagen sie, "der verzweifelt den eigenen Arsch in Deckung bringt." Die Feinde dieses derart respektlos angerufenen Höchsten sind Brahmanen, Asketen und andere Schausteller der Metaphysik, die fest im System der Kastenordnung verankert ist. Sie nennen Tuka, der zur niederen Kaste der Kornverkäufer gehört und seine letzte Habe bereits weggeschenkt hat, einen Gotteslästerer und wollen ihn verurteilen. Das erinnert verblüffend an die Heilsgestalt der westlichen Welt (...)
Chitre sieht das eigentliche Wesen der Klassiker darin, hinter uns zu liegen. In Tuka aber erkenne er einen Klassiker, der vor uns liege. Das Nichttriumphale seines Sprechens, der Verzicht auf erhabene Weisheiten, auf den Gestus feierlicher Belehrung und vor allem seine Verachtung des Egozentrismus verdichteten Tukas Werk zu jener hochprozentigen religiös-poetischen Provokation, die das 21. Jahrhundert dringend brauche (...)
SZ extra, 04.-10.05.00
Alex Rühle
Der kleine Gott der Anarchie
In Indien sind sie beide berühmt; der eine seit 300 Jahren, der andere erst seit einiger Zeit. Aber sie scheinen Brüder im Geiste zu sein. Der religiöse Dichter Tukaram lebte von 1608 bis 1649 und schrieb 4000 Gedichte, die "die beeindruckendste Autobiografie ergeben, die die Welt je gesehen hat". Das sagt der Lyriker, Essayist und Filmemacher Dilip Chitre, dem es zu verdanken ist, dass Tukaram nun zum ersten Mal im Deutschen ankommt (...)
Tukaram, das ist ein Mensch von derwischhafter Anarchie und hiobscher Verzweiflung, ein leiser Außenseiter, der allen Egozentrismus verachtet, ein Poet, der singend von Dorf zu Dorf zog, ein Mystiker, dessen Texte sich mal vorsichtig an einen deus obsconditus herantasten und dann wieder im Geiste protestantischer Religionskritiker alle metaphysischen Dogmen und die klerikalen Würdenträger aufs Korn nehmen (...)
Bei Dilip Chitre werden viele der Gebete Tukarams zu Reflexionen über die Literatur. Das sich entziehende Gedicht tritt an die Stelle eines verborgenen Gottes, ohne dass aber die Texte je etwas verquält Poetisches hätten. "Wo beginnt man mit dir / O Herr, du hast keine Anfangszeile / Es ist so schwer dich in Gang zu setzen" (...)